Von der Dankbarkeit zur Verbundenheit
Werteraum im Rück- und Ausblick
Ein Jahr lang haben wir in unseren fünf Pfarreien einen gemeinsamen „Werteraum“ durchschritten. Wir sind im Januar mit der Dankbarkeit in Mariastein gestartet. Dies war im Rückblick auf zehn Jahre des Pastoralraumes Solothurnisches Leimental ein tief empfundenes Fundament. Über die Stationen der Begegnung beim Suppentag in Flüh, des Friedens in der Pfingstvigil in Burg, der Demut in der Wortgottesfeier in Witterswil und der Einfachheit beim gemeinsamen Agape-Eintopf in Metzerlen führt uns dieser Weg im Oktober schliesslich zum Erntedankfest in Rodersdorf und damit zum Abschluss: der Verbundenheit.
Während Dankbarkeit der Boden ist, auf dem wir stehen, bildet die Verbundenheit das Dach unseres gemeinsamen Hauses. Sie ist der eigentliche Kern des Pastoralraumes.
Verbundenheit: Mehr als nur ein gutes Gefühl
Ist Verbundenheit eine Tugend oder ein Wert? In der Philosophie gilt sie primär als Wert, eine Richtschnur, die angibt, was für unser Zusammenleben bedeutungsvoll ist. Eine Tugend wird sie erst dort, wo sie als Haltung gelebt wird. Verbundenheit ist kein statischer Zustand, den man einmal erreicht und dann besitzt. Sie zeigt sich in der konkreten Praxis: im Hinsehen, im Mittragen, im gemeinsamen Gestalten.
Wo stehen wir heute?
Zehn Jahre nach dem Zusammenschluss ist der Pastoralraum längst mehr als eine organisatorische Notwendigkeit. In der alltäglichen Seelsorge, in gemeinsamen Gottesdiensten, Projekten und Anlässen ist eine Weggemeinschaft entstanden.
Für das Engagement, die Offenheit und die Ausdauer aller Gremien, Engagierten, Ehrenamtlichen und Pfarreimitglieder gebührt ein aufrichtiger Dank.
Vieles, was früher getrennt gedacht wurde, trägt heute gemeinsam Frucht.
Dies liess sich am Abend des Dankanlasses in Hofstetten spüren.
Gleichzeitig stehen wir vor der ehrlichen Frage für die Zukunft:
Ist diese Verbundenheit bereits in allen Strukturen und im Bewusstsein verankert?
Oder erleben wir sie bisher vor allem an Höhepunkten und Festtagen?
Die Herausforderung: Verbundenheit als gelebter Alltag
Damit der Wert der Verbundenheit nicht als theoretisches Konzept auf dem Papier verbleibt, braucht es den Schritt zur konkreten Handlung.
Für unsere künftige pastorale Zusammenarbeit bedeutet das:
Ressourcen und Gaben teilen: Verbundenheit zeigt sich darin, dass nicht jede Pfarrei alles alleine tragen muss. Wo Stärken in einer Pfarrei liegen, können sie den anderen vier zugutekommen.
Gegenseitiges Interesse vertiefen: Echte Verbundenheit wächst durch kontinuierlichen Austausch. Das Wissen um die Sorgen, Projekte und Freuden der Nachbarpfarreien schafft Vertrauen.
Gemeinsam nach aussen wirken: Eine verbundene Gemeinschaft strahlt in die Zivilgesellschaft aus, im sozialen Engagement vor Ort ebenso wie im ökumenischen Miteinander.
Rückblick und sanfter Aufbruch
Der Werteraum dieses Jahres spannt einen weiten Bogen:
Die Dankbarkeit hat uns an den Anfang gestellt, die Verbundenheit weist uns den Weg in die Zukunft. Was in zehn Jahren gewachsen ist, darf gewürdigt und gefeiert werden. Zugleich ist Erntedank nicht nur das Ende einer Saison, sondern die Zusage für die nächste Aussaat.
Nutzen wir die gesammelte Kraft, um unsere fünf Pfarreien und Kirchgemeinden weiterhin mit Leben, Vertrauen und spürbarer Verbundenheit zu füllen!
Marek Sowulewski, Pastoralraumleiter
Werteweg
Aus dem regionalen Werteweg ist ein Werteraum geworden. Dieser hat in Form des Pastoralraumes bereits seit zehn Jahren Gestalt angenommen. Manche Werte sind auf den Schildern haften geblieben, andere haben sich frei entfaltet und prägen heute das Pfarreileben vor Ort und darüber hinaus. Was zusammengewachsen ist, wird kontinuierlich gepflegt und weiterentwickelt. Das Wünschenswerte steht entweder in den Startlöchern oder wartet als Vision auf ein Update.
Im Jubiläumsjahr des Pastoralraumes laden wir alle ein, über die genannten Werte zu reflektieren.
Sind sie schon zu Tugenden geworden, oder befinden sie sich noch im Werden?
Jedem Wert sind drei Fragen zugeordnet:
– die erste bezieht sich auf die persönliche Ebene,
– die zweite auf den gesellschaftlichen Kontext,
– die dritte auf die spirituelle Dimension.
Unten aufgeführt finden Sie die Antworten der Präsidentin, der Präsidenten der Kirchenräte sowie des Abtes von Mariastein.
Unter den zugeordneten Werten können Sie die Pfarrei sowie die Monate einsehen, in denen spezielle Anlässe zu den entsprechenden Werten durchgeführt werden. Zusätzlich werden die einzelnen Anlässe jeweils kurz vor ihrem Stattfinden mit passenden Flyern angekündigt.
Lassen Sie uns das Jubiläumsjahr 2026 nicht nur feiern, sondern auch gemeinsam zukunftsorientiert gestalten.
Marek Sowulewski, Pastoralraumleiter
Dankbarkeit
Mariastein, Januar – Februar

Welches kleine, alltägliche Geschenk haben Sie heute bewusst wahrgenommen und innerlich gedankt und wie hat es Ihre Stimmung verändert?
Die versöhnliche Antwort auf einen Konflikt in der Arbeitsgruppe war ein solches Geschenk. Sie hat spürbar Entlastung gebracht, den inneren Druck gelöst und neue Zuversicht geweckt. Dankbarkeit hat den Blick vom Ärger zur Möglichkeit des Neuanfangs gelenkt.
Warum fällt es vielen Menschen schwer, Dankbarkeit öffentlich zu zeigen, und wie könnte eine Kultur der Dankbarkeit Konflikte entschärfen?
Dankbarkeit wird oft als Zeichen von Schwäche, Abhängigkeit oder Bedürftigkeit missverstanden. Dabei erinnert sie daran, dass wir nicht alles selbst in der Hand haben. Wo Dankbarkeit Raum bekommt, entsteht Demut statt Rechthaberei, und Konflikte verlieren ihre Schärfe, weil der andere nicht mehr Gegner, sondern Mitmensch ist.
Welcher Bibelvers oder welches Ritual Ihrer Tradition öffnet Ihnen das Herz für Dankbarkeit und wie wirkt sich das auf Ihr Verhältnis zu Gott oder dem Leben aus?
Ein tragender Vers ist:
„Danket dem Herrn; denn er ist gütig, denn seine Huld währt ewig.“ (Psalm 118,1)
Dieser Vers – oft gebetet in der Liturgie und im persönlichen Dankgebet – ordnet das Leben neu: Nicht das Schwierige hat das letzte Wort, sondern Gottes Güte. Er vertieft das Vertrauen und lässt selbst im Unvollkommenen Grund zum Danken erkennen.
Antworten von Abt Ludwig, Mariastein
Begegnung
Hofstetten-Flüh, März – April

Welche Begegnung in Ihrem Alltag hat Ihnen kürzlich gezeigt, wie Mitgefühl entsteht und wie haben Sie darauf reagiert?Mitgefühl entsteht, wenn jemand genau zuhört. Die Stimme verrät mehr über unsere innere Stimmung als wir meinen. Es braucht nur ein offenes Ohr dafür.
In einem Gespräch kürzlich haben wir über unangenehme Begebenheiten aus früheren Zeiten geredet. Ich merkte, dass in diesem Gespräch Tonfall und Inhalt nicht übereinstimmten. Die innere Hochstimmung war überdeutlich, das Nörgeln irgendwie seltsam. So liessen wir das Nörgeln und die schlimmen Zeiten beiseite. Endlich gab es Gelegenheit, über das freudige Ereignis zu berichten, das so aus dem Alltag herausragte. Am Tonfall und an der Stimme lässt sich erkennen, was aktuell wichtig ist
Wie können alltägliche Begegnungen zwischen Fremden in einer hektischen Welt zu Momenten echten Mitgefühls werden, und was bräuchte es dafür?
Wenn die Leute nicht auf ihr Mobiltelefon starren, sondern einander in die Augen schauen, entsteht menschlicher Kontakt. Dann kann das Gespräch plötzlich zu einer echten Begegnung werden. Dann erfahren wir voneinander mehr als nur Sachinformationen, dann erfahren wir, was im anderen Menschen vorgeht.
Welche Begegnungsgeschichte oder welches Symbol christlicher Tradition lehrt Sie, dass Mitgefühl in der Begegnung mit dem anderen beginnt, und wie wenden Sie das an?
Das Kreuzzeichen macht uns bewusst, dass wir nicht mit „ich“ anfangen, sondern mit „im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes“. Gott sei Dank heisst es gemäss unserer christlichen Überzeugung nicht ‚für mich, wegen mir, dank mir‘.
Mitgefühl in der Begegnung mit dem anderen beginnt, wenn wir uns im Alltag unseren Gegenüber fragen, wie es ihm geht. Wenn wir anderen die Gelegenheit geben, über sich selbst etwas Wichtiges zu sagen, nehmen wir Anteil und erfahren aus erster Hand, was andere denken, erleben, fühlen. – Ein Nachteil, womit wir leben müssen: Häufig wird uns keine ähnliche ernst gemeinte Frage gestellt, da viele lieber über sich selbst reden und nicht in der Lage, nicht in der Stimmung sind zuzuhören.
Antworten von Gustav Ragettli, Kirchgemeindepräsident Hofstetten
Friede
Burg, Mai

Welcher Alltagsmoment hat Ihnen kürzlich gezeigt, wie innerer Friede entsteht vielleicht durch Loslassen oder Akzeptanz und wie hat das Ihren Tag verändert?
Wo erleben Sie in unserer polarisierten Welt kleine Inseln des Friedens, und wie könnten wir diese Inseln zu einem Kontinent ausbauen?
Welche spirituelle Übung oder Weisheit aus Ihrem Glauben hilft Ihnen, Frieden in turbulenten Zeiten zu finden, und wie teilen Sie diesen Frieden mit anderen?
Demut
Witterswil-Bättwil, Mai – Juni

Wie zeigt sich Demut in Ihrem Alltag, und können Sie ein konkretes Beispiel nennen, bei dem Sie bewusst auf Anerkennung verzichtet haben?
Welche Rolle spielt Demut Ihrer Meinung nach in unserer modernen, leistungsorientierten Gesellschaft, und warum wird sie oft als Schwäche missverstanden?
Wie verstehen Sie Demut in Ihrem religiösen oder spirituellen Kontext, und inwiefern hilft sie Ihnen, eine tiefere Verbindung zu etwas Größerem herzustellen?
Einfachheit
Metzerlen, August – September

Gibt es ein Ritual oder eine Gewohnheit in Ihrem Alltag, die Einfachheit verkörpert und was hat Sie dazu gebracht, sie beizubehalten?
Den Tag ruhig zu starten.
Sich Zeit zu nehmen für einen Kaffee, ohne Handy und Mails. Den Tag in Gedanken ordnen, was steht an, was ist wichtig? Sich einen Moment Aufmerksamkeit zu schenken, damit der Tag ruhig, «einfach» beginnt.
Wenn Sie einer überforderten Gesellschaft einen einzigen „Einfachheitstipp“ geben dürften, welcher wäre das und warum?
Weniger ist Mehr !!
Viel Stress entsteht dadurch, dass zu viele Erwartungen gleichzeitig erfüllt werden sollen. Wir müssen lernen, auf Aufgaben, Angebote oder Ansprüche zu verzichten. Ein bewusster Verzicht, hilft Wichtiges von Dringendem zu unterscheiden. In einer Gesellschaft, die immer mehr beschleunigt und optimiert, ist das Weglassen oft der wirksamste Weg zur Ruhe.
Welche biblische Geschichte, Figur aus Ihrer Tradition zeigt Ihnen am stärksten, was echte Einfachheit bedeutet, und wie wenden Sie das persönlich an?
Maria
Sie anerkannte Ihre Rolle als Dienst an der Menschheit, trotz grosser Unsicherheit. Ein einfaches Leben mit vielen Herausforderungen.
Man sollte lernen, manchmal die eigenen Interessen zugunsten anderer zurückzu- stellen. Das heisst für mich Einfachheit. Dass man die Prioritäten im Alltag hinterfragt, um den eigenen Lebenssinn zu finden.
Antworten von Veronika Husistein, Kirchgemeindepräsidentin Metzerlen
Verbundenheit
Rodersdorf, Oktober – November

Wann haben Sie zuletzt eine tiefe Verbundenheit gespürt. War das vielleicht mit einem Menschen oder der Natur und was hat diesen Moment ausgelöst?
Verbundenheit Mensch und Natur: letzten September haben wir mit dem Naturschutzverein Therwil das Feuchtebiet Mooswasen gepflegt, ein Naturschutzgebiet von nationaler Bedeutung. Als wir fertig waren überflog ein Eisvogel mehrmals die Arbeitsfläche ab, obwohl dort keine Eisvögel sind oder brüten. Dies zeigt die Verbundenheit von Mensch und Natur.
Ein weiteres Beispiel: Wir haben mit dem Naturschutzverein eine Hecke zurück geschnitten und gepflegt. Das Wetter war kalt und es schneite fast den ganzen Tag. Wir haben unsere Arbeit durchgezogen und waren völlig kalt und durchnässt in der Nähe eine warme Suppe essen gegangen. Als wir zurück kamen sass bei starkem Schneefall ein Raubwürger auf einem Strauch der gepflegten Hecke. Dabei muss man wissen, dass der Raubwürger seit den 1950 Jahren in der Schweiz ausgestorben ist und pro Winter nur etwa 10 Beobachtungen dieser Vogelart gemacht werden.
Welche kleinen Gesten oder Strukturen könnten in einer individualisierten Gesellschaft echte Verbundenheit wieder stärker machen, ohne Zwang?
Erlebnisse Mensch in Verbindung mit der Natur: ich erlebe das jedes Jahr bei Exkursionen, welche Verbindungen entstehen, wenn man gleichzeitig seltene Erlebnisse in der Natur machen darf. Diese Momente führen zu Gesprächen mit tieferem Hintergrund. Aus diesen Gesprächen entstehen immer wieder neue Bekanntschaften.
Wie stellt Ihre spirituelle Tradition die Verbundenheit aller Dinge dar, und welches Erlebnis hat Ihnen gezeigt, dass diese Lehre mehr als nur Worte ist?
Diese seltenen Erlebnisse stellen bei mir immer wieder die Frage: warum darf ich so etwas spezielles Erleben. Wer zeigt den Vögeln der Weg zu den Personen, welche Gutes tun für die Natur und dem Überleben der Individuen. Darauf habe ich bis heute keine abschliessende Antwort gefunden. Ich bin aber überzeugt, dass es eine Verbindung geben muss. Diese Verbindung motiviert, um weiter Gutes zu tun.
Antworten von Konrad Knüsel, Kirchgemeindepräsident Rodersdorf






